Achtsamkeit

Progressive Muskelentspannung: Anleitung für Einsteiger

Progressive Muskelentspannung nach Jacobson für Einsteiger: Ablauf durch die Muskelgruppen, richtige Anspannung, Kurzform und typische Fehler.

Von der Redaktion Stressfrei Leben · Veröffentlicht am

Progressive Muskelentspannung, oft mit PMR abgekürzt, gehört zu den am besten untersuchten Entspannungsverfahren überhaupt. Das Prinzip dahinter ist denkbar einfach: Du spannst einzelne Muskelgruppen kurz bewusst an und lässt sie danach wieder los. Dieser Artikel erklärt dir Schritt für Schritt, wie das funktioniert, woher die Methode stammt und was du realistisch von ihr erwarten kannst.

Wer PMR entwickelt hat

Progressive Muskelentspannung geht auf den US-amerikanischen Arzt Edmund Jacobson zurück, der bereits ab den 1910er-Jahren den Zusammenhang zwischen Muskelanspannung und innerer Unruhe untersuchte. Mit Messungen an seinen Patientinnen und Patienten zeigte er, dass Anspannung, Angst und Stress regelmäßig mit erhöhter Muskelspannung einhergingen. 1929 veröffentlichte er sein grundlegendes Werk „Progressive Relaxation“, in dem er die systematische An- und Entspannung einzelner Muskelgruppen als Methode beschrieb (Jacobson, 1929). Eine für Laien verständlichere Fassung folgte 1934 unter dem Titel „You Must Relax“. Das Verfahren wurde seither vielfach weiterentwickelt und in kürzere, alltagstaugliche Versionen überführt, wie sie heute in Gesundheitskursen der Krankenkassen vermittelt werden.

Das Grundprinzip

Die Idee hinter PMR ist, dass viele Menschen ihre eigene Muskelspannung im Alltag kaum noch bewusst wahrnehmen. Indem du einen Muskel zunächst bewusst und deutlich anspannst, wird der Unterschied zum anschließenden Loslassen viel spürbarer als beim Versuch, sich direkt zu entspannen. Diese bewusste Wahrnehmung von Anspannung und Entspannung ist der eigentliche Kern der Methode – nicht die Muskelarbeit selbst.

So bereitest du dich vor

Für eine erste Einheit brauchst du keine besondere Ausstattung. Sinnvoll ist:

  • eine ruhige Umgebung, in der du für 15 bis 20 Minuten nicht gestört wirst,
  • bequeme, nicht einengende Kleidung,
  • eine bequeme Sitz- oder Liegeposition, zum Beispiel auf einer Matte oder in einem Sessel mit Armlehnen.

Du kannst die Übung mit geschlossenen oder leicht geöffneten Augen durchführen, je nachdem, was sich für dich angenehmer anfühlt.

Ablauf: Schritt für Schritt durch die Muskelgruppen

Eine klassische PMR-Einheit führt dich nacheinander durch verschiedene Muskelgruppen. Eine gängige Reihenfolge, wie sie unter anderem im Patientenmagazin der AOK beschrieben wird, sieht so aus:

  1. Dominante Hand und Unterarm: Faust ballen, etwa fünf Sekunden halten, dann loslassen und die Entspannung 20 bis 30 Sekunden lang nachspüren.
  2. Nicht-dominante Hand und Unterarm: gleicher Ablauf.
  3. Gesicht: Stirn runzeln oder Augenbrauen hochziehen, kurz halten, loslassen.
  4. Nacken und Schultern: Schultern zu den Ohren ziehen, halten, sinken lassen.
  5. Brust und Rücken: Schulterblätter leicht zusammenziehen, halten, loslassen.
  6. Bauch: Bauchdecke anspannen, als würdest du einen leichten Schlag erwarten, halten, loslassen.
  7. Gesäß und Oberschenkel: anspannen, halten, loslassen.
  8. Waden und Füße: Zehen nach oben ziehen oder Füße anspannen, halten, loslassen.

Bei jeder Muskelgruppe gilt derselbe Rhythmus: fünf bis sieben Sekunden anspannen, dann abrupt loslassen und 20 bis 30 Sekunden bewusst nachspüren, wie sich die Entspannung anfühlt, bevor du zur nächsten Gruppe übergehst. Eine vollständige Runde durch alle Muskelgruppen dauert in dieser ausführlichen Form etwa 15 bis 20 Minuten.

Wie stark solltest du anspannen?

Die Anspannung sollte deutlich spürbar, aber nicht schmerzhaft sein – du spannst kräftig an, aber nicht mit voller Kraft. Ein Muskelkrampf oder Schmerz ist ein Zeichen, dass du zu fest anspannst. Wichtig ist außerdem, dass du während der Anspannungsphase weiteratmest, statt die Luft anzuhalten.

Manche Anleitungen empfehlen, die Anspannung mit einer kurzen Einatmung zu verbinden und beim Loslassen bewusst auszuatmen. Das ist keine zwingende Voraussetzung für die Wirkung der Methode, kann aber helfen, den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung noch deutlicher wahrzunehmen, ähnlich wie bei den Atemtechniken, die ebenfalls auf einer bewusst verlangsamten Ausatmung beruhen.

Wie oft und wie lange üben?

Die AOK weist in ihrem Patientenmagazin darauf hin, dass sich PMR mit regelmäßigem Üben leichter und wirksamer anwenden lässt. Für den Einstieg ist eine tägliche oder mehrmals wöchentliche Übungseinheit über zwei bis drei Wochen sinnvoll, bevor du beurteilst, ob dir die Methode etwas bringt. Mit wachsender Übung lässt sich die Zeit pro Muskelgruppe verkürzen, sodass erfahrene Anwenderinnen und Anwender eine komplette Runde auch in fünf bis zehn Minuten schaffen.

Was die Forschung zu PMR sagt

PMR gilt laut der Krankenkasse Barmer als eines der am besten erforschten Entspannungsverfahren. Studien, auf die sich Krankenkassen-Patienteninformationen wie die der Barmer und der AOK stützen, deuten darauf hin, dass regelmäßiges Üben mit einer Reduktion von subjektiv empfundenem Stress, einer verringerten Muskelspannung und einer verbesserten Schlafqualität einhergehen kann. Wichtig ist dabei: Diese Effekte wurden im Rahmen wissenschaftlicher Studien untersucht und sind nicht mit einer garantierten individuellen Wirkung gleichzusetzen. Wie stark PMR bei dir wirkt, hängt auch davon ab, wie regelmäßig und wie lange du übst.

Eine Kurzform für den stressigen Alltag

Sobald du die ausführliche Version einige Male durchlaufen hast und die Abfolge kennst, kannst du eine verkürzte Variante nutzen, die sich auch am Schreibtisch oder in der Mittagspause durchführen lässt. Dabei fasst du mehrere Muskelgruppen zu größeren Einheiten zusammen, zum Beispiel „beide Arme“, „Gesicht und Nacken“, „Rumpf“ und „Beine“, statt jede Gruppe einzeln zu behandeln. So kommst du mit vier bis fünf Anspannungs-Entspannungs-Zyklen aus und brauchst für eine komplette Runde oft nur noch fünf bis acht Minuten. Diese Kurzform ersetzt die ausführliche Version nicht vollständig, ist aber eine praktikable Ergänzung für Tage, an denen dir die Zeit für die lange Variante fehlt.

Typische Anfängerfehler

Ein häufiger Fehler ist, die Muskeln zu stark oder zu lange anzuspannen, was zu Verkrampfungen statt Entspannung führen kann. Ebenso häufig ist es, die Nachspürphase zu überspringen und direkt zur nächsten Muskelgruppe zu wechseln – gerade dieser Moment des bewussten Wahrnehmens ist aber der Teil, in dem die eigentliche Entspannung stattfindet. Manche Menschen erwarten zudem, dass sich bereits die erste Einheit tief entspannend anfühlt. Das ist nicht bei allen der Fall; wie bei jeder Übung braucht auch PMR eine gewisse Lernphase.

Für wen PMR weniger geeignet ist

Bei akuten Muskel- oder Gelenkverletzungen, starken Rückenschmerzen oder bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen solltest du vor der aktiven Anspannungsphase Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt halten. In diesen Fällen lassen sich Varianten mit reduzierter Anspannung nutzen, die du am besten unter fachlicher Anleitung erlernst.

Wenn Anspannung zum Dauerzustand wird

PMR kann helfen, situative körperliche Anspannung abzubauen. Wenn du jedoch über Wochen unter starker Erschöpfung, Schlafstörungen oder dem Gefühl leidest, nicht mehr abschalten zu können, kann das auf eine ernsthaftere Belastung wie Burnout oder eine depressive Erkrankung hinweisen. In diesem Fall ersetzt keine Entspannungstechnik ein ärztliches oder psychotherapeutisches Gespräch – so eine Belastung solltest du fachlich abklären lassen, statt sie allein mit Übungen zu behandeln.

Weiter in dieser Reihe: Drei Atemtechniken für den Alltag und Autogenes Training. Alle Themen findest du im Ratgeber-Überblick.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis PMR wirkt?

Viele Menschen berichten bereits nach der ersten oder zweiten Einheit von einem Entspannungsgefühl. Ob sich das auch auf dein allgemeines Stresslevel im Alltag auswirkt, lässt sich meist erst nach einigen Wochen regelmäßiger Übung beurteilen.

Muss ich alle Muskelgruppen in jeder Einheit üben?

Für den Einstieg ist es sinnvoll, die komplette Reihenfolge zu durchlaufen, damit du ein Gefühl für die Methode bekommst. Später kannst du dich auch auf einzelne Muskelgruppen konzentrieren, etwa auf Nacken und Schultern bei Bürostress.

Kann ich PMR im Sitzen statt im Liegen machen?

Ja. Für eine tiefere Entspannung eignet sich Liegen oft besser, aber PMR lässt sich grundsätzlich auch im Sitzen, etwa am Arbeitsplatz, durchführen.

Ist PMR für Kinder geeignet?

Vereinfachte Varianten von PMR werden auch mit Kindern durchgeführt, allerdings meist unter Anleitung durch geschultes Fachpersonal und mit kindgerecht angepassten Anweisungen.

Was mache ich, wenn eine Muskelgruppe schmerzt?

Wenn eine bestimmte Anspannung Schmerzen statt eines Spannungsgefühls auslöst, lass diese Muskelgruppe aus oder reduziere die Anspannungsstärke deutlich. Bei bestehenden Verletzungen sprich vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.