Achtsamkeit

Atemübungen gegen Stress: drei Techniken für den Alltag

Drei Atemtechniken gegen akuten Stress – verlängerte Ausatmung, 4-7-8-Atmung und Lippenbremse – Schritt für Schritt, mit realistischen Erwartungen.

Von der Redaktion Stressfrei Leben · Veröffentlicht am

Wenn du gestresst bist, verändert sich deine Atmung meist von selbst: Sie wird flacher und schneller. Der umgekehrte Weg funktioniert ebenso – über eine bewusst veränderte Atmung kannst du deinem Körper ein Signal zur Beruhigung geben. Dieser Artikel zeigt dir drei konkrete Atemtechniken, die du ohne Vorerfahrung im Alltag üben kannst, und erklärt, was dabei im Körper passiert und was du realistisch erwarten kannst.

Warum Atmung und Stress zusammenhängen

Deine Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl unbewusst als auch bewusst gesteuert werden kann. Genau das macht sie zu einem Ansatzpunkt für Entspannung. Ein Übersichtsartikel im Fachjournal „Breathe“ der European Respiratory Society kommt zu dem Schluss, dass langsames, bewusst verlangsamtes Atmen bei gesunden Erwachsenen mit einer Aktivierung des Parasympathikus – also des „Ruhenervs“ im vegetativen Nervensystem – einhergeht und Herzfrequenz sowie Blutdruck kurzfristig senken kann (Russo, Santarelli & O’Rourke, 2017). Besonders die Ausatmung spielt dabei eine Rolle: Sie ist mit einer Verlangsamung des Herzschlags verknüpft, während die Einatmung ihn leicht beschleunigt. Eine bewusst verlängerte Ausatmung nutzt diesen Effekt gezielt.

Wichtig ist die Erwartungshaltung: Atemübungen verändern in dem Moment, in dem du sie durchführst, nachweislich einzelne körperliche Parameter wie Herzfrequenz und subjektives Anspannungsgefühl. Sie sind aber kein Ersatz für eine Auseinandersetzung mit den eigentlichen Stressursachen.

Ein Grund, warum sich Atemtechniken so gut in den Alltag einbauen lassen, ist, dass sie kein Hilfsmittel und keinen besonderen Ort brauchen. Du kannst sie im Sitzen am Schreibtisch, stehend in der Bahn oder liegend vor dem Einschlafen üben. Das unterscheidet sie von Verfahren wie progressiver Muskelentspannung oder autogenem Training, für die du in der Regel eine ruhige Umgebung und mehrere Minuten am Stück brauchst.

Woher die drei Techniken stammen

Die verlängerte Ausatmung und verwandte Zählatmungen werden unter anderem von gesetzlichen Krankenkassen wie der Techniker Krankenkasse als einfache Übungen gegen akute Anspannung im Alltag beschrieben. Meditative Atemtechniken mit bewusster Beobachtung des Atems haben ihren Ursprung im Yoga und im Qigong; die Techniker Krankenkasse weist in ihrem Patientenmagazin darauf hin, dass solche Übungen unter fachlicher Anleitung auch bei Asthma oder chronischen Schmerzen eingesetzt werden. Die Lippenbremse wiederum stammt aus der Atemphysiotherapie und wird dort Menschen mit Lungenerkrankungen wie COPD gezeigt, wie der AOK-Bundesverband in seinem Patientenmagazin beschreibt.

Technik 1: Die verlängerte Ausatmung

Diese Technik ist die einfachste der drei vorgestellten Übungen und eignet sich besonders für akute Stressmomente, etwa vor einem schwierigen Gespräch.

So gehst du vor:

  1. Setz dich aufrecht hin oder bleib stehen, die Schultern bleiben locker.
  2. Atme durch die Nase ein und zähle dabei bis drei.
  3. Atme durch die Nase oder leicht geöffneten Mund aus und zähle dabei bis sechs – die Ausatmung dauert also doppelt so lange wie die Einatmung.
  4. Wiederhole diesen Zyklus etwa zehnmal hintereinander.

Du musst die Zahlen nicht exakt einhalten, entscheidend ist das Verhältnis: doppelt so lange aus- wie einatmen. Falls dir das anfangs schwerfällt, beginne mit einem kürzeren Verhältnis, etwa zwei zu vier.

Technik 2: Die 4-7-8-Atmung für zwischendurch

Eine etwas strukturiertere Variante ist eine Zählatmung mit Atempause, wie sie unter anderem von der Techniker Krankenkasse als Übung gegen akute Anspannung beschrieben wird. Der Ablauf:

  1. Atme vier Sekunden lang ruhig durch die Nase ein.
  2. Halte den Atem für sieben Sekunden an, ohne zu pressen.
  3. Atme acht Sekunden lang langsam durch leicht geöffnete Lippen aus.
  4. Wiederhole den Zyklus drei- bis viermal.

Diese Übung eignet sich gut, wenn du kurz vor dem Einschlafen oder in einer Pause zur Ruhe kommen willst. Wenn dir das Anhalten des Atems unangenehm ist, etwa weil du unter Bluthochdruck oder einer Atemwegserkrankung leidest, lass diesen Schritt weg und atme stattdessen einfach länger aus als ein.

Technik 3: Die Lippenbremse

Die Lippenbremse stammt ursprünglich aus der Atemphysiotherapie, wo sie Menschen mit Atemwegserkrankungen hilft, ihre Ausatmung zu verlangsamen und die Atemwege länger offen zu halten. Das Prinzip lässt sich auch zur allgemeinen Beruhigung nutzen:

  1. Atme normal und tief durch die Nase ein.
  2. Spitze die Lippen leicht, so als wolltest du eine Kerze sanft ausblasen.
  3. Atme langsam und gleichmäßig durch die gespitzten Lippen aus, spürbar langsamer als du eingeatmet hast.
  4. Wiederhole das über ein bis zwei Minuten.

Der spürbare Widerstand beim Ausatmen hilft vielen Menschen dabei, die Ausatmung tatsächlich zu verlangsamen, statt sie nur gedanklich zu verlängern.

Wie oft und wie lange solltest du üben?

Es gibt keine allgemeingültige Dosierung, die für jeden Menschen gleich wirkt. Sinnvoll ist es, eine der drei Techniken zunächst für ein bis zwei Minuten am Tag auszuprobieren und danach für dich zu bewerten, ob sie dir überhaupt liegt – nicht jede Technik passt zu jedem. Wer sie regelmäßig in ruhigen Momenten übt, kann sie in stressigen Situationen später leichter abrufen, weil der Ablauf dann bereits vertraut ist.

Typische Stolpersteine

Ein häufiger Fehler ist, die Atmung zu forcieren und dabei zusätzliche Anspannung aufzubauen, etwa durch hochgezogene Schultern oder einen angespannten Bauch. Wenn dir schwindelig wird, atmest du wahrscheinlich zu tief oder zu schnell ein – reduziere in diesem Fall die Intensität und atme normaler weiter. Ein weiterer Punkt: Atemübungen wirken bei akuter Anspannung meist unmittelbar, aber diese Wirkung ist vorübergehend. Sie ersetzen keine Auseinandersetzung mit dauerhaften Belastungen im Alltag oder Beruf.

Atemübungen in eine feste Routine einbauen

Wenn du merkst, dass dir eine der drei Techniken guttut, lohnt es sich, sie an einen festen Zeitpunkt im Tag zu koppeln, statt sie nur dann zu nutzen, wenn du bereits mitten im Stress steckst. Manche Menschen üben morgens direkt nach dem Aufstehen, andere in der Mittagspause oder abends vor dem Zubettgehen. Ein fester Rahmen hilft dabei, dass die Übung nicht in Vergessenheit gerät. Ein einfacher Einstieg ist ein Notizzettel am Badezimmerspiegel oder eine wiederkehrende Erinnerung im Kalender – wichtig ist nur, dass du die Übung nicht mit dem Anspruch verbindest, sie perfekt ausführen zu müssen. Auch eine unregelmäßig oder unvollständig durchgeführte Atemübung ist kein Fehlschlag, sondern schlicht eine von vielen Gelegenheiten, die du im Alltag hast.

Für wen sich Atemübungen weniger eignen

Bei bestimmten Vorerkrankungen, etwa schweren Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, solltest du Atemtechniken mit Luftanhalten nur nach Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ausprobieren. Auch bei Angststörungen kann bewusstes Atmen bei manchen Menschen zunächst zu verstärkter Körperwahrnehmung und dadurch zu mehr statt weniger Anspannung führen – in dem Fall ist eine Anleitung durch Fachpersonal sinnvoller als das eigenständige Üben nach einem Artikel.

Wenn Erschöpfung nicht mehr weggeht

Atemübungen helfen bei alltäglicher, situativer Anspannung. Sie sind nicht dafür gedacht, anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen über Wochen oder ein Gefühl innerer Leere zu behandeln. Wenn solche Beschwerden über einen längeren Zeitraum bestehen, kann das auf eine ernsthaftere Belastung wie Burnout oder eine depressive Erkrankung hindeuten. In diesem Fall ist der erste sinnvolle Schritt ein Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Psychotherapeutin beziehungsweise einem Psychotherapeuten – keine Selbstdiagnose und keine Selbstbehandlung mit Atemtechniken.

Weiter in dieser Reihe: Progressive Muskelentspannung und Autogenes Training. Alle Themen findest du im Ratgeber-Überblick.

Häufige Fragen

Wie schnell wirken Atemübungen gegen Stress?

Die verlängerte Ausatmung kann laut der zitierten Übersichtsarbeit bereits nach wenigen Atemzügen mit einer sinkenden Herzfrequenz einhergehen. Wie stark sich das subjektiv anfühlt, ist individuell unterschiedlich.

Kann ich mit Atemübungen etwas falsch machen?

Solange du nicht forciert oder bis zum Schwindel atmest, ist das Risiko gering. Bei Vorerkrankungen der Atemwege oder des Herz-Kreislauf-Systems solltest du Techniken mit Atemanhalten vorher ärztlich abklären.

Muss ich jeden Tag üben, damit es wirkt?

Für den akuten Effekt in einer stressigen Situation nicht zwingend. Regelmäßiges Üben in ruhigen Momenten erleichtert es aber, die Technik später unter Druck abzurufen.

Welche der drei Techniken ist die beste?

Es gibt keine pauschal „beste“ Technik. Probiere alle drei aus und behalte die, die sich für dich am angenehmsten anfühlt und die du dir am leichtesten merkst.

Ersetzen Atemübungen eine Therapie?

Nein. Sie können kurzfristig bei situativer Anspannung helfen, sind aber kein Ersatz für eine Behandlung bei anhaltenden psychischen Belastungen wie Burnout oder Depression.

Kann ich Atemübungen mit anderen Entspannungsverfahren kombinieren?

Ja, viele Menschen nutzen sie als kurzen Einstieg vor längeren Übungen wie progressiver Muskelentspannung oder autogenem Training. Ob das für dich sinnvoll ist, findest du am besten durch Ausprobieren heraus.