Warum sind wir eigentlich alle so gestresst?
Warum ist unsere moderne Gesellschaft von immer höheren Stresspegeln geprägt? In den Sechziger- und Siebzigerjahren träumten die Menschen von einer Zukunft, in der Technik ihnen die lästigen Aufgaben abnimmt und endlich mehr Zeit zum Entspannen bleibt. Waschmaschine, Spülmaschine, Staubsauger, all das sollte das Leben leichter und glücklicher machen.
Spulen wir vor in die Gegenwart: Online-Shopping, Smartphones, Fernseher mit Internetanschluss. Keine Generation zuvor hatte Zugriff auf so viel Technologie wie wir heute. Dank globalem Handel und endloser Innovation steht uns das Internet rund um die Uhr zur Verfügung. Ein ganz gewöhnlicher Laptop aus dem Jahr 2012 rechnet mindestens eine Million Mal schneller als der Computer, der die Apollo-Rakete zum Mond steuerte.
Wir leben also buchstäblich den Traum von damals. Die große Frage lautet deshalb: Warum sind wir trotzdem gestresst? Und mehr noch: Warum sind wir sogar gestresster als die Generationen vor uns?
Soziologen, Psychologen und Ökonomen versuchen seit Jahren herauszufinden, an welchem Punkt unsere Epoche so untrennbar mit Stress verbunden wurde. Die Studien zu diesem „Stress-Puzzle” sind komplex, aber die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich gut zusammenfassen.
1. Weniger echte Freizeit
Viele Menschen verbinden Stress vor allem mit Kinderbetreuung und Haushalt. Interessant ist aber: Vergleicht man die Zeit, die Menschen heute für Haus und Familie aufwenden, mit den Werten aus den 1910er-Jahren, landet man beim selben Durchschnitt, nämlich rund 52 Stunden pro Woche.
Der Grund: Wir verbringen heute mehr Zeit mit zusätzlichen Aufgaben wie Einkaufen, Terminen und Erledigungen, die kaum jemand als entspannend empfindet. Moderne Geräte sparen uns zwar bei einzelnen Tätigkeiten Zeit, doch diese gewonnene Zeit wird sofort von neuen, unvermeidbaren Pflichten aufgefressen. Für echte Freizeit bleibt unterm Strich nicht mehr übrig als früher.
2. Stressoren, wohin man schaut
In einer idealen Welt könnte jemand, der im Job ständig unter Druck steht, zu Hause abschalten und auftanken. Einigen gelingt dieses Kunststück tatsächlich, und sie dürfen sich glücklich schätzen.
Für die Mehrheit sieht die Realität anders aus: Umfragen aus den USA zeigen, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen zu Hause dasselbe Stressniveau erlebt wie am Arbeitsplatz. Das bedeutet: Viele Berufstätige bekommen überhaupt keine Verschnaufpause mehr, weil beide Lebensbereiche als belastend empfunden werden.
3. Schädliche gesellschaftliche Standards
Es ist kein Geheimnis, dass unsere Gesellschaft noch immer von Doppelmoral geprägt ist, besonders im Berufsleben. Trotz großer Fortschritte bei der Gleichberechtigung halten viele Menschen eine Frau, die zu unabhängig und zielstrebig auftritt, für unangenehm. Umgekehrt gilt ein Mann, der genau diese Eigenschaften nicht zeigt, schnell als beruflicher Versager.
Diese Doppelstandards vergiften das Arbeitsklima: Sie belohnen aggressives Konkurrenzverhalten bei Männern und bestrafen gleichzeitig Frauen, die Ehrgeiz und Initiative zeigen. Das macht den Arbeitsplatz für beide Seiten zu einem frustrierenden und stressigen Ort.
4. Chronische Überarbeitung
Mehr als ein Viertel der Berufstätigen klagt darüber, dass der Tag schlicht nicht genug Stunden hat, um alles zu schaffen. Um die fehlende Zeit auszugleichen, arbeiten viele einfach länger und härter, bis irgendwann der Burnout droht.
Von einem Burnout erholt man sich nicht nebenbei. Wer nicht aktiv daran arbeitet, seinen Stresspegel zu Hause und im Job zu senken, kommt aus dieser Abwärtsspirale nur schwer wieder heraus.
5. Zerbrechende Familienstrukturen
In den USA wird etwa jede zweite Ehe geschieden, und auch im deutschsprachigen Raum sind Trennungen längst Alltag. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung besteht aus Alleinerziehenden-Haushalten mit nur einem Einkommen.
Viele Alleinerziehende, überwiegend Frauen, müssen doppelt oder dreifach so hart arbeiten, um die laufenden Kosten ihrer Familie zu stemmen. Diese Situation ist extrem belastend: Freizeit existiert praktisch nicht, und jede freie Minute außerhalb der Arbeit fließt in Kinder und Haushalt.
Was bedeutet das für dich?
Stress ist also kein persönliches Versagen, sondern zu einem großen Teil das Ergebnis der Bedingungen, unter denen wir heute leben. Die gute Nachricht: Auch wenn du die Gesellschaft nicht im Alleingang ändern kannst, hast du sehr wohl Einfluss darauf, wie du mit diesen Stressoren umgehst. Genau darum geht es in den weiteren Artikeln dieses Ratgebers.